Ich schicke eine Bewerbung raus, bekomme prompt eine PDF zur "Erstunterweisung" zugeschickt, noch bevor ein Gespräch stattgefunden hat. Ich antworte mit einem Satz. Gelesen, in Ordnung. Mehr Rückmeldung braucht ein einzelnes Dokument nicht.
Was danach kam, hab ich zweimal gelesen, weil ich es beim ersten Mal für einen Scherz gehalten habe.
Für viele Menschen in unserer heutigen Gesellschaft ist eine offene Kommunikation mit klaren Positionen ein schwieriges Thema. Diesen Luxus können wir uns leider nicht leisten. Bei uns gibt es kein Home Office, kein Chai Latte und kein MacBook.
Ausgelöst durch einen einzigen bestätigenden Satz. Nicht durch eine Rückfrage, nicht durch eine Beschwerde, nicht durch Schweigen. Durch "gelesen, in Ordnung".
Was eine Standpauke auf eine neutrale Rückmeldung wirklich zeigt
Wer auf eine bloße Bestätigung mit einer ungefragten Charakterbewertung reagiert, bewertet nicht den Bewerber. Er zeigt, wie er selbst mit Unsicherheit umgeht. Eine sachliche Rückmeldung bietet keine Angriffsfläche. Also wird eine konstruiert, aus dem Nichts, mit Chai Latte als Feindbild.
Ich habe seine eigenen Fragen an ihn selbst zurückgestellt. Was genau ein Heißgetränk über die Eignung eines Bewerbers aussagt. Was an einem einzigen bestätigenden Satz nach fehlendem Leistungswillen klingen soll. Seine Mail kam zudem in weißer statt schwarzer Schrift an, ohne manuelles Markieren komplett unlesbar. Der Mann, der erklärt, wieso in seiner Firma keine MacBooks erlaubt sind, bekommt in seinem eigenen Office keine lesbare E-Mail hin.
Auf diese Rückfragen kam keine Antwort mehr. Wer eine Standpauke halten kann, aber keine einzige der eigenen Behauptungen erklären kann, hat kein Bewerber-Problem. Der hat ein Erklärungsproblem, das er lieber verschweigt als eingesteht.
Genau dieses Muster wird gern genutzt, um vermeintlich gute von schlechten Bewerbern zu trennen. Wer nicht widerspricht, gilt als geeignet. Das ist genauso fatal wie der Satz "manche Probleme lösen sich von alleine". Der fällt oft, wenn langjährige, gute Mitarbeiter mit Rückgrat kündigen, weil ihr Vorgesetzter überfordert ist. Das Problem geht dann tatsächlich. Nur nicht, weil es gelöst wurde. Es geht, weil niemand zugeben will, als Führungskraft versagt zu haben. Das Ego ist größer als die Einfahrt zu einer Flugzeughalle.
Kein Chai Latte, kein MacBook: Wofür diese Codewörter wirklich stehen
Homeoffice, Chai Latte und MacBook stehen hier nicht für sich. Sie stehen als Chiffren für eine ganze Generation, der pauschal Anspruchsdenken und fehlende Leistungsbereitschaft unterstellt wird. Diese Zuschreibung höre ich in Fach- und Führungskreisen erstaunlich oft, fast nie mit einem konkreten Beleg, meistens als Verallgemeinerung aus ein, zwei eigenen Enttäuschungen.
Woher genau das kommt, will ich hier offenlassen. Der Mechanismus dahinter kenne ich trotzdem, aus einem ganz anderen Bereich. Es ist derselbe Mechanismus, mit dem eine bestimmte Partei am rechten Rand seit Jahren Wähler an die Urne bringt: ein einfaches Feindbild, ein großes Bedürfnis, die eigene Meinung endlich loszuwerden, weil einen angeblich sonst niemand hört. Das erklärt komplexe Probleme nicht. Es ersetzt nur das Nachdenken darüber durch ein Ventil.
Warum genau diese Person das größere Problem fürs Unternehmen ist
Die einzelne Mail ist nicht das eigentliche Problem. Die Position ist es. Diese Person ist der erste Kontakt eines Unternehmens nach außen und gleichzeitig personalverantwortlich. Sie entscheidet, wer eingestellt wird, und sie prägt, wie das Unternehmen bei jedem Bewerber wirkt, egal ob die Stelle am Ende besetzt wird.
Das erinnert an den Typ Mensch, der einem Ersthelfer bei der Mund-zu-Mund-Beatmung noch vorwerfen würde, er habe Mundgeruch gehabt oder die Technik falsch gemacht, obwohl ihm gerade das Leben gerettet wurde. Es geht längst nicht mehr darum, ob geholfen wurde. Es geht nur noch darum, irgendetwas zu finden, das sich kritisieren lässt. Meckern gehört hierzulande fast schon zur Kultur. Jeder hat eine Meinung. Die eigentliche Frage stellt sich kaum jemand: Muss diese Meinung wirklich immer und überall geäußert werden?
Zwei Symptome, ein Muster
Genau dieses Verhalten trifft auf denselben Arbeitsmarkt, über den ich schon in meinem Artikel über automatisch aussortierte Bewerbungen geschrieben habe. Dort filtert eine Maschine aus Bequemlichkeit falsch. Hier filtert ein Mensch aus Bequemlichkeit nach Klischees. Beide sortieren am Ende die Falschen aus und wundern sich anschließend über den Fachkräftemangel, den sie selbst mit erzeugt haben.