Ein Foto. Anzug, Lächeln, im Hintergrund ein Konferenzraum, den der Autor vermutlich zehn Minuten vorher zum ersten Mal betreten hat. Darunter der Text: „Ich bin demütig und dankbar, heute eine neue Herausforderung anzunehmen." Am Ende, wie immer, die Frage: „Was war dein größter Lernmoment?"

Dreiundzwanzig Reaktionen. „Glückwunsch!" „Verdient!" „Inspirierend!"

Ich habe das monatelang mitgelesen. Als Jobsuchender, mit gepflegtem Profil, mit Empfehlungen, mit echten Kontakten. Heute sage ich dir, was mir das gebracht hat. Nichts.

Was mir mein LinkedIn-Profil bei der Jobsuche gebracht hat

Die Stellenbörse klammere ich aus. Die nutze ich täglich, sie ist eine Jobbörse wie jede andere.

Es geht um den Teil, der als Netzwerkplattform verkauft wird. Dafür hatte ich ein Profil, das sich sehen lassen konnte, und Empfehlungen, auf die ich stolz war. Ich habe nicht jede Einladung angenommen, die mich über sechs Ecken kannte. Nur echte Kontakte, mit echtem Austausch.

280 Bewerbungen. Interessiert hat das Profil keine Sau. Auch die guten Empfehlungen nicht. Niemand erwähnte sie. Niemand sprach die Kontakte an.

Warum auf LinkedIn alle gleich klingen

95 Prozent dessen, was ich dort gelesen habe, war Selbstbeweihräucherung. Diese Zahl ist geschätzt, nicht gemessen. Nach dieser Menge Lesezeit traue ich sie mir trotzdem zu. Immer dieselben Inhalte, am Ende eine Frage, um Austausch zu simulieren, den es nicht gibt.

Dazwischen der goldene Rahmen ums Profilbild, der Premium-Status, der blaue Haken. Im Kern ist LinkedIn das Parship der Business-Welt. Das Geschäftsmodell von Parship war nie die Liebe. Es war der Preis. Bezahl genug, und du triffst nicht mehr auf das normale Fußvolk. Du triffst nur noch auf Leute, die sich dieselbe Gebühr leisten konnten. Auf LinkedIn läuft derselbe Mechanismus. Nur ist die Währung Sichtbarkeit statt Partnersuche.

Kennst du jemanden, der berühmt ist, färbt die Berühmtheit auf dich ab, ganz ohne eigene Leistung. Das kennt jeder. Auf LinkedIn wird aus diesem Effekt ein Geschäftsmodell, quittiert mit einem goldenen Rahmen.

LinkedIn gibt diesen Leuten eine Bühne, die sie auf Instagram oder TikTok nicht bekommen würden. Ich habe die Plattform lange genug beobachtet und selbst intensiv genutzt, um zu wissen, worum es wirklich geht. Nicht um Netzwerk. Um Sehen und gesehen werden.

Das ist dieselbe Mechanik wie bei jeder Eisdiele an der Hauptstraße mit Außenbereich. Die lauten Autos fahren am Tag mehrfach vorbei, nur um sich zu zeigen. Die Leute draußen trinken zweitklassigen Kaffee und essen überteuertes Eis, das nicht mal schmeckt. Sie sitzen trotzdem da. Sehen und gesehen werden.

Selbst LinkedIn kann das kaum noch bestreiten. Vor ein paar Monaten hat die Plattform selbst reagiert. Der KI-generierte Content war so explodiert, dass Nutzer inzwischen Beiträge als „seems like AI slop" melden können. Was dann passiert? Der Beitrag bleibt stehen. Er wird nur im eigenen Feed etwas leiser. Nicht mal die eigene Plattform traut sich, das Problem wirklich zu lösen. Sie lässt nur die Nutzer murren.

Was Studien über echte Netzwerke sagen

Netzwerke funktionieren. Und zwar sehr gut.

Nach der IAB-Stellenerhebung wurde in Deutschland zuletzt etwa jede dritte Stelle über persönliche Kontakte besetzt, genau 32 Prozent. In Kleinbetrieben waren es 47 Prozent. Internet-Jobbörsen kamen auf 21 Prozent, die eigene Unternehmens-Homepage auf 11 Prozent. Die Zahlen stammen aus 2016, eine neuere Welle habe ich nicht gefunden. Nimm sie als Größenordnung.

Auch die Wissenschaft stützt die These von den schwachen Kontakten. Ein Experiment mit LinkedIn-Daten, 2022 im Fachmagazin Science veröffentlicht, variierte bei über 20 Millionen Nutzern über fünf Jahre, wie viele schwache Verbindungen der Algorithmus vorschlägt. Schwächere Kontakte erhöhten die Job-Übergänge, bis zu einem gewissen Punkt.

Fairer Punkt für LinkedIn. Aber lies genau, was dort getestet wurde. Kontakte. Nicht Kommentare. Nicht Selbstdarstellung. Die Studie belegt, dass Beziehungen helfen. Sie belegt nicht, dass eine Kommentarspalte eine Beziehung ist.

Was bei mir stattdessen geholfen hat

Die Menschen, die mir geholfen haben, kannte ich nicht von LinkedIn. Es waren Menschen aus echter Zusammenarbeit, die mit mir telefonierten, statt unter einen Post „Stark!" zu schreiben. Unspektakulär. Passt in kein Karussell mit Foto. Deshalb taucht es dort nie auf.

Wer auf LinkedIn nur Reichweite aufbaut, hat kein Netzwerk-Problem. Der hat ein Publikum.

Fazit für Jobsuchende

Nutze die Stellenbörse, wenn sie dir Treffer liefert. Halte dein Profil sauber, als Visitenkarte, mehr nicht. Investier deine Zeit nicht in Likes und Kommentare für Fremde. Investier sie in Menschen, die du kennst oder kennenlernen willst.

LinkedIn ist kein Netzwerk. Es ist eine Eisdiele mit Kommentarfunktion.